Eine kurze Geschichte der Wortleiter
Wie aus einem Rätsel, das Lewis Carroll zu Weihnachten 1877 erfand, ein tägliches Wortspiel im Browser wurde.
Ein Rätsel für zwei gelangweilte Gäste
Die Wortleiter hat eine ungewöhnlich genaue Entstehungsgeschichte, und sie stammt vom Erfinder selbst. In einem Brief, den die Zeitschrift Vanity Fair im März 1879 abdruckte, erzählte Lewis Carroll, dass ihn an Weihnachten vor gut einem Jahr, also Weihnachten 1877, zwei junge Damen, die nichts zu tun hatten, um ein paar Rätsel gebeten hätten. Er hatte keine zur Hand und erfand deshalb kurzerhand eine neue Art von Rätsel. Die beiden jungen Damen werden meist als Julia und Ethel Arnold identifiziert.
Zuerst nannte Carroll das Spiel Word-Links, und 1878 erschien in Oxford ein kleines gedrucktes Faltblatt mit diesem Titel. Als es ein größeres Publikum erreichte, hatte es einen neuen Namen: Doublets.
Doublets in Vanity Fair, 1879
Vanity Fair stellte das Rätsel in der Ausgabe vom 29. März 1879 unter der Überschrift „A New Puzzle“ vor, zusammen mit Carrolls Brief. Seine Regeln waren kurz: Man nimmt zwei gleich lange Wörter und verbindet sie, indem man andere Wörter dazwischenschiebt, von denen sich jedes vom nächsten in nur einem Buchstaben unterscheidet. Die Buchstaben mussten an ihrem Platz bleiben, und die Zwischenwörter mussten englische Wörter sein, wie man sie in guter Gesellschaft verwenden konnte. Die beiden vorgegebenen Wörter nannte er Doublet, die Wörter dazwischen Links und die ganze Reihe Chain. Sein Beispiel verwandelte HEAD (Kopf) in TAIL (Schwanz): HEAD → HEAL → TEAL → TELL → TALL → TAIL.
Die ersten drei Rätsel, in derselben Ausgabe gedruckt, lauteten „Drive PIG into STY“, „Raise FOUR to FIVE“ und „Make WHEAT into BREAD“ – also das Schwein in den Stall treiben, aus Vier Fünf machen und aus Weizen Brot. In den folgenden Wochen sollten die Leser unter anderem MAN aus APE entwickeln, FLOUR zu BREAD machen und BLACK in WHITE verwandeln.
Ab der Ausgabe vom 19. April führte Vanity Fair Doublets als Preisausschreiben, und die Wertung kommt jedem Weaver-Spieler bekannt vor. Jedes Rätsel war so viele Punkte wert, wie seine beiden Wörter zusammen Buchstaben hatten, ein Doublet mit vier Buchstaben also acht. Wer die kürzestmögliche Kette fand, bekam alle Punkte, und für jedes zusätzliche Glied wurde ein Punkt abgezogen. Das Ziel war also die optimale Leiter, und jeder Zug darüber kostete.
Schon bald schickten Teilnehmer Ketten voller obskurer Wörter ein. Als Carroll die Rätsel in einem Buch sammelte, Doublets: A Word-Puzzle (Macmillan, 1879), fügte er ein Glossar der zulässigen Wörter hinzu, und im Vorwort zitiert er eine gespielt verzweifelte Kolumne aus Vanity Fair über die seltsamen Wörter, die Leser benutzt hatten. 1880 folgte eine zweite Auflage. Eine Wortliste, die festlegt, was erlaubt ist und was nicht, steht bis heute im Zentrum jedes Wortleiter-Spiels.
Carrolls eigene Strategie
Im selben Brief von 1879 gab Carroll auch den ersten Strategietipp für Wortleitern. Am leichtesten seien die Doublets, schrieb er sinngemäß, bei denen Konsonanten im einen Wort Konsonanten im anderen entsprechen und Vokale Vokalen, wie bei HEAD und TAIL. Sei das nicht der Fall, wie bei HEAD und HARE, solle man zuerst eines der Wörter in ein Wort mit passendem Muster verwandeln, zum Beispiel mit HEAD, HERD, HERE – danach mache es selten noch große Mühe, die Kette zu vollenden. Der Rat funktioniert noch immer, auch auf Deutsch; unsere Tipps-Seite zeigt ihn in Aktion.
Carroll experimentierte auch mit den Regeln. Donald Knuth weist darauf hin, dass Carroll vorschlug, als Schritt neben dem Tausch eines Buchstabens auch ein Anagramm des vorherigen Worts zuzulassen – mit dieser Regel verwandelte er IRON (Eisen) in LEAD (Blei). Weaver hält sich an das strengere Original: ein Buchstabe, dieselbe Stelle, jedes Mal.
Laddergrams, Word Golf und andere Namen
Das Rätsel ist unter vielen Namen verkauft worden. Nachschlagewerke nennen Doublets, Word-Links, Change-the-Word-Rätsel, Paragrams, Laddergrams und Word Golf. Laddergrams hieß auch ein Buch mit solchen Rätseln von John Earle Surrick und Lawrence Melvin Conant aus dem Jahr 1927. Heute ist „Word Ladder“ der gängigste englische Name, und im Deutschen spricht man von der Wortleiter. Beide Namen beschreiben die Form gut: eine Spalte aus Wörtern, jedes eine Sprosse vom nächsten entfernt.
Der Name Word Golf hat einen berühmten literarischen Auftritt. In Vladimir Nabokovs Roman Pale Fire (1962, auf Deutsch „Fahles Feuer“) beschreibt der Erzähler Charles Kinbote die Vorliebe des Dichters John Shade für dieses Spiel und zählt seine eigenen besten Runden auf: HATE zu LOVE in drei Zügen, LASS zu MALE in vier und LIVE zu DEAD in fünf, mit LEND in der Mitte. Dass Züge wie Schläge beim Golf gezählt werden, macht den Namen stimmig. Das Register des Romans versteckt, ganz nach Nabokovs Art, die Lösung von LASS zu MALE in einer Kette von Querverweisen: LASS → MASS → MARS → MARE → MALE.
Donald Knuths Wortgraph mit fünf Buchstaben
Auch in der Informatik wurden Wortleitern zu einem beliebten Beispiel, weil sie ein natürliches Graphenproblem sind. Man behandelt jedes Wort als Punkt und verbindet zwei Wörter, wenn sie sich an genau einer Stelle unterscheiden. Eine Wortleiter ist dann ein Pfad zwischen zwei Punkten, und die kürzeste Leiter ist der kürzeste Pfad.
Die bekannteste Untersuchung steht in Donald Knuths Buch The Stanford GraphBase (1993). Sein Programm LADDERS arbeitet mit 5.757 englischen Wörtern aus fünf Buchstaben, die Knuth über rund zwanzig Jahre gesammelt hatte, verbunden durch 14.135 Ein-Buchstaben-Verbindungen. Einer seiner Beispielläufe führt in sechs Schritten von FLOUR zu BREAD, also von Mehl zu Brot – dasselbe Paar, das Carroll 1879 in Vanity Fair gestellt hatte: FLOUR → FLOOR → FLOOD → BLOOD → BROOD → BROAD → BREAD.
Knuth fand heraus, dass die meisten Wörter zu einer riesigen zusammenhängenden Gruppe von 4.493 Wörtern gehören, in der sich je zwei Wörter durch eine Leiter verbinden lassen. Aber 671 Wörter haben überhaupt keine Nachbarn. Er nannte sie aloof (unnahbar), und ALOOF ist selbst eines davon. Darunter sind Alltagswörter, die es seit Jahrhunderten gibt, etwa THEIR, AGAIN, EARTH, HUMAN, YOUNG, MUSIC, OCEAN und SUGAR. Knuth zeigte auch, wie sich die Leitern verändern, wenn nur häufige Wörter erlaubt sind: Mit seinen 3.000 häufigsten Wörtern braucht CHAOS zu ORDER 13 Schritte, über Wörter wie COSTS, HOSTS und ROSES.
Die Rätsel auf dieser Seite entstehen auf dieselbe Weise. Für jedes Wortpaar durchsucht eine Breitensuche die Wortliste Schritt für Schritt: erst alle Wörter einen Zug vom Start entfernt, dann alle zwei Züge entfernt und so weiter, bis sie das Zielwort erreicht. Wenn sie zum ersten Mal dort ankommt, hat sie die kürzeste Leiter gefunden, und deren Länge ist die optimale Zugzahl, die du auf dem Ergebnisbildschirm siehst. In unserer deutschen Liste braucht übrigens auch MEHL zu BROT genau sechs Züge, wie Knuths FLOUR zu BREAD:
Die tägliche Wortleiter
Ihr jüngstes Comeback erlebte die Wortleiter mit dem Boom der täglichen Wortspiele Anfang 2022. Im März 2022 stellte der Entwickler eines Spiels namens Weaver es in der Wordle-Community auf Reddit vor. Es gab allen jeden Tag dasselbe Wortpaar, zeigte nach dem Lösen die optimale Zugzahl und zählte gelöste Rätsel und Serien. Das Format kam an, und im Sommer 2022 veröffentlichten Rätselseiten bereits tägliche Hinweise und Lösungen dazu.
WeaverGame.org ging im Juli 2022 als unabhängige Seite rund um dieselbe Idee an den Start. Wir stehen in keiner Verbindung zu den Machern anderer Spiele namens Weaver; was uns mit ihnen verbindet, ist ein Rätsel, das allen gehört und das Lewis Carroll vor fast anderthalb Jahrhunderten zum ersten Mal veröffentlicht hat. 2026 kamen ein tägliches Rätsel mit fünf Buchstaben, unbegrenztes Spielen, ein Archiv, Hinweise und 19 Sprachen dazu – darunter diese deutsche Version mit eigener Wortliste. Mehr über die Seite erfährst du auf der Seite Über uns, oder du probierst gleich die heutige Leiter im Tagesrätsel.
Mehr Wortspiele von uns
SquaresBuchstaben zu Wörtern verbinden(öffnet in neuem Tab)
CombinationsWörter aus einem Buchstabenraster(öffnet in neuem Tab)
StrandsThemenwörter im Raster finden(öffnet in neuem Tab)
WordWaffleSechs Wörter durch Tauschen lösen(öffnet in neuem Tab)
CrosswordleKreuzworträtsel mit Wordle-Regeln(öffnet in neuem Tab)